Als der Himmel über Kassel blutrot war

von Redakteur Museum

von Bezirksbrandmeister Hermann Böth, Homberg

Am 23. Oktober 1943, gegen 20 Uhr, wurde Kassel von schweren Bomberverbänden angegriffen und ein ungeheures Flammenmeer durch Spreng- und Brandbomben entfacht. So, wie Hunderte von von Feuerwehren, wurde um 20,30 Uhr auch die Homberger Einsatzwehr nach Kassel gerufen. Als die Löschgruppe mit L.F. 8 immer näher nach Kassel kam, umso größer zeigte sich das riesige Ausmaß der Katastrophe am nächtlichen Himmel. An der Knallhütte sahen die Männer das brennende Kassel, das wie ein riesiger großer Glühofen wirkte. In der Frankfurter Strasse in Niederzwehren stockte die Weiterfahrt durch vor uns stehende Feuerwehrfahrzeuge. Menschen flehten um Hilfe, aber keiner konnte aus der Reihe tanzen. Wir mußten uns, laut Einsatzbefehl, in Harleshausen melden. Die Fahrt ging nach mehrmaligem Anhalten in der Frankfurter Straße weiter. In Höhe der 15er Kaserne wurde der Einsatzführer von einem Motorradfahrer angehalten und ein schriftlicher Einsatzbefehl übergeben. Derselbe mußte als erhalten quittiert werden. Der Befehl lautete: Königstor, in der Nähe der Luisenschule, das frühere Wehrmeldeamt. ganz früher 83er Kaserne, ablöschen, etwa 1000 Menschen eingeschlossen. Wir fuhren links an der Kaserne hoch nach der Wilhelmshöher Allee und dann links zum Königstor. Der Einsatzleiter ließ rechts neben der Luisenschule halten und zwar auf der Mitte der Straße, damit von den brennenden Gebäuden nicht etwa das Fahrzeug getroffen wurde. Der Gruppenführer gab Befehl: Melder und Maschinist absitzen. Der Maschinist prüfte sofort einen in der Nähe befindlichen Oberflurhydrant, ob Wasser vorhanden- Gruppenführer und Melder untersuchten das Gebäude des Wehrmeldeamtes; fast alle Gebäude waren aber bereits eingestürzt, außerdem war kein Mensch mehr in diesem Gelände. Zurück zum Fahrzeug. Nun bat der Luftschutzwart der Schule die Feuerwehrmänner dringend um Hilfe. Nachdem der Einsatzleiter und Melder wieder beim Fahrzeug waren, verlangte der Luftschutzwart den sofortigen Einsatz, was nach den Vorschriften abgelehnt wurde. Als er verzweifelt auf 600 Schwerverletzte und Schwerkranke im Keller hinwies, da dort die Hitze unerträglich sei und der größte Teil nicht mehr zu retten sei, wenn nicht sofort das große, 130 Meter lange Gebäude

abgelöscht würde, gab er noch das Versprechen, von diesem Einsatz nichts weiterzumelden. Nun wurde der Einsatzbefehl gegeben. Wasserentnahmestelle der Hydrant, Verteiler vor der Treppe der Schule, eine B-Leitung von der T.S. 8 bis zum Verteilungsstück legen; weiterer Befehl: Alle Trupps rüsten sich als Angriffstrupps aus. Gruppenführer und Melder hasteten in die Schule, liefen links, zum Teil rechts und teils in der Mitte der brennenden Treppen nach oben, um alles zu erkunden. Jetzt machte der Einsatzführer einen schweren Fehler. Er ließ den Melder vor dem Eingang zum Dachgeschoß stehen, hastete selbst in das Dachgeschoß und stellte 15 und mehr Brände fest. Durch das Hin- und Herlaufen und die vielen Brandnester konnte er nur schwer wieder den Abgang finden. Hätte er den melder mit schwingendem Beleuchtungsgerät mitgenommen, wäre er nicht in eine so gefährliche Lage gekommen, die leicht den Tod bedeuten konnte. Die Erkundung hat etwa eine halbe Minute gedauert. Es wurde festgestellt, daß das Treppenhaus vom Untergeschoß bis zum Dach in allen Stockwerken brannte. Die Brände waren in allen Etagen ausgeweitet, ebenso am Dach. Alle Trupps hatten die B-Leitung bis zum Verteilungsstück gelegt und jeder Trupp hatte sich zum Angriffstrupp ausgerüstet. Jetzt kam der Befehl: Erstes Rohr erkämpft sich den Weg bis zum Dachgeschoß und löscht alle Brände zum Dach ab. Drittes Rohr sichert den Auftiegsweg des 1.Rohres und löscht das Treppenhaus ab. Das zweite Rohr bekämpft alle Brände der 1. bis 4. Etage. "Erstes, zweites, drittes Rohr vor!" Von allen Trupps kam kurz darauf: Wasser marsch. Der Melder stand am Verteilungsstück. Der Maschinist und alle Männer arbeiteten vorzüglich und zeigten, was vorher gelernt war. Es wurde nun in und über der Schule immer dunkler, das Feuer war längst unter Kontrolle. Nach einer Stunde war die Schule gerettet und kein Menschenleben mehr in Gefahr. Kurze Zeit später wurden die drei Trupps zurückgenommen. Nachdem das Kommando "Zum Abmarsch fertig" kam und die Männer Aufstellung zum Aufsitzen genommen hatten und die Stärke festgestellt war, kam ein neuer Einsatzbefehl: "Güterbanhof!" Durch Rauch und Flammen erreichte die Gruppe das Einsatzziel. Der Einsatz wurde versucht, kam aber nicht zur Entfaltung, weil dauernde Exlosionen und Munitionszügen und Wassermangel das Ganze als aussichtlos erscheinen ließ. Die kleine

Feuerwehr hatte sich nun in der Hohenzollernstraße zu melden. Hier sollten mehrere Häuser abgelöscht werden. Da die Häuser rechts und links brannten, war der Sauerstoff von dem großen Feuer verbraucht. Die atmosphrige Luft drückte die Gase in die Mitte der Straße. Die heiße Luft vermischte sich mit den Gasen und Sauerstoff und so entstand ein brennbares Gemisch in der ganzen Breite und bildete eine einzige Feuerwand. Der Gruppenführer wurde unter Wasser gehalten und konnte 50 Meter in die Feuerwand eindringen, wurde aber zurückgeholt, weil bis zu den Häusern, in welchen die Menschen eingeschlossen waren, lebend nicht ranzukommen war. Der Angriff wurde von einer anderen Wehr von der Rückseite versucht, aber alle Eingeschlossenen waren schon in einer anderen Welt und hatten das Schwere überstanden. Nach einer halben Stunde Ruhe kam ein neuer Einsatz zum Skagerrakplatz. Das Einsatzziel waren über 50 Häuser, die durch Brandbomben schwergetroffen waren. Wasser war vorläufig nicht da, aber ein Marine-Feuerlösch-Regiment war von Kiel nach Kassel beordert, und legte von der Fulda bis zum Skagerrakplatz Mannesmann-Rohre. Diese Einheit förderte das Wasser in einen riesigen Wasserbehälter, der so groß wie ein mittleres Schwimmbad war. Nachdem genügend Wasser vorhanden war, rollte auch hier der Angriff. Je ein Trupp hatte ein Haus abzulöschen und so wurde die Ablöschung strahlenförmig vorgetragen. Alle Männer bekamen in dieser Nacht 20 mal und mehr die Augen ausgespritzt und manche Zeitbombe warf die schwerarbeitende Gruppe durcheinander. Geschenkt wurde keinem etwas, alle gaben das Äußerste her. Wenn der eine nicht mehr konnte, wurde er vom anderen aufgemuntert. Mehrere Kameraden wollten, ehe das wasser kam, einer alten Frau ihr Klavier retten, jedoch stürzte der Boden ein und einer versank im Keller auf brennende Steinkohlen. Er wurde von seinen Kameraden mit Leinen aus der gefährlichen Lage befreit. Auch hier leistete der Maschinist durch Fingerspitzengefühl gute Arbeit, sodaß kein Schlauch platzte; es waren über 800 Meter ausgelegt. Der Maschinist stand, ohne es zu wissen, länger als 5 Stunden neben einen Blindgänger. Während dieser Löscharbeit gab es auch kleine Heiterkeiten. Ein Major, der in diesem Straßenzug wohnte, ließ durch seinen Burschen bestellen, die Wehr sollte 5 Häuser weiter sich einsetzen, jedoch wurde dem Soldat mitgeteilt, daß der Major keinerlei Befehlsgewalt habe. Als

derselbe dann persönlich zum Einsatzleiter kam und diesem Anweisung geben wollte, wurde er kurzerhand dienstverpflichtet und zeigte sich als guter Feuerwehrmann! Als er nach Ablöschen seines Hauses entlassen werden sollte, machte er freiwillig noch eine Zeit lang mit. Ebenso erging es einem Hauptmann, der auch die Befehlsgewalt an sich reißen wollte. Als der Morgen graute, war auch diese Aufgabe gelöst. Es waren abgelöscht: die Luisenschule und über 50 Häuser am Skagerrakplatz. Werte von mehr als 6 Millionen Mark blieben Kassel erhalten und vielen Menschen ihr Leben. Als wir abgelöst waren, sahen wir uns in Kassel um, es bot ein Bild der Verwüstung und des Elends. Am Lutherplatz lagen viele tausend Tode und Schwerverletzte. So sah es überall in Kassel aus. Der Einsatzleiter ging mit einem Kameraden die Königstraße hoch, d.h., man mußte sich durchschlängeln. In der unteren Königstraße fand der Kamerad einen Kopf, der Körper lag 10 Meter davon entfernt. Wir haben diesen einsamen Kopf mit Blech zugedeckt. Ganz Kassel glich einem großen Leichenfeld und Trümmerhaufen. Ein entsetzlicher, eigentümlich wehender Schwaden lag über dem Ganzen und drohte, den noch Lebenden die Luft abzuschnüren. Wenn nun jetzt, viele Jahre später, diese Zeilen geschrieben wurden, so geschah es aus einer gewissen Dankbarkeit für die an dem Einsatz beteiligten Männer, denn dieser Einsatz zeigte, daß Disziplin, Kameradschaft und Mannesmut unter schwersten Verhältnissen Großes zu leisten vermögen.

 

Die Männer der Gruppe waren: Hans Weineck, Heinrich Leimbach. Heinrich Hämel, Heinrich Kühneweg, Karl Schmidt, Adam Mentel, Willi Bierach, Karl Gülland, Hans Höse und Hermann Böth.

Zurück